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"Arschbar"-Künstler: "Ich verstehe die Aufregung nicht" « DiePresse.com
06.09.2010 04:36 | Meine Presse Merkliste0

"Arschbar"-Künstler: "Ich verstehe die Aufregung nicht"

03.03.2010 | 18:59 |  ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Die „Presse“ traf einen Tag vor der Eröffnung den Künstler Joep van Lieshout zum Gespräch. Kaffee gab es noch keinen in seiner begehbaren, mit braunen Sitzsäcken und orangefarbenem Tresen ausgestatteten "Bar Rectum“.

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Das überdimensionale Modell eines Darms mit Ein- und Ausgang, ein riesiges blaues Spermium stehen im Hof des Museumsquartiers (MQ). Ein weiblicher Torso – die „Bikinibar“ – spreizt ihre Beine vor dem MQ in Richtung der Natur- und Kunsthistorischen Museen. Die „Presse“ traf einen Tag vor der Eröffnung am Donnerstag Abend den Künstler Joep van Lieshout zum Gespräch. Kaffee gab es noch keinen in seiner begehbaren, mit braunen Sitzsäcken und orangefarbenem Tresen ausgestatteten „Bar Rectum“. Und zu kalt war es auch.


Die Arschbar habe ich das erste Mal 2005 auf dem Vorplatz der weltwichtigsten Kunstmesse „Art Basel“ gesehen – war sie ursprünglich als Kommentar zum Kunstmarkt gedacht?

Joep van Lieshout: Nein, ich habe die Bar ursprünglich für die Yokohama Kunstbiennale gemacht. Es sollten eigentlich Toiletten drinnen sein. Aber im Vorfeld wurde mir mitgeteilt, dass das in Japan nicht funktionieren würde, die Leute wären zu verklemmt, um die Klos tatsächlich zu benutzen. Also habe ich eine Bar daraus gemacht. Aber ich habe auch schon einmal ein Riesenorgan mit Fremdenzimmern aufgestellt– alles ist möglich, sogar ein kleiner Swingerclub!

 

Ach! Waren Sie schon in der Secession? Wenn ja – bei Tag oder bei Nacht?

Van Lieshout: Tagsüber. Ich würde es aber auch nachts einmal ausprobieren, nur vielleicht nicht gerade in der Secession, da könnte ich ja Leute aus der Kunstszene treffen. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Erst einmal habe ich selbst recht zynisch über die Arbeit gedacht, aber wenn man die Sensation weglässt, ist es eine gute Sache, macht Sinn mit ihrer Beziehung zu Klimt. Und Swingerclubs sind eine Subkultur, die viele interessiert – jeden zweiten Tag hört und sieht man davon im Fernsehen.

 

Ihnen könnte man ja eher Frauenfeindlichkeit unterstellen als „Unzucht“, wenn man Ihre „Bikini-Bar“ betrachtet, ein riesiger Frauentorso vor dem Museumsquartier, der allerdings nicht begehbar sein darf, sondern als Minimuseum für Ihre Möbelskulpturen dient. Frauentorsi gelten im feministischen Kunstdiskurs als Zeichen männlicher Ausbeutung des Frauenkörpers in der Kunstgeschichte...

Van Lieshout: Nein, das ist nicht antifeministisch gemeint – das war ein Transportproblem, der Körper wäre mit Kopf und Füßen einfach zu groß gewesen!

 

Das meinen Sie nicht ernst!

Van LIeshout: Also ich habe genauso viele zerschnittene Männerkörper in meinem Werk wie Frauenkörper – aber, es stimmt, nur einen riesigen Frauentorso. Gebt mir einfach ein bisschen Geld, ich mache euch einen Männertorso! Eine große Penisskulptur hätte ich schon...

 

Eine verstümmelte?

Van Lieshout: Nein (lacht).

 

Sie haben in Ihrem Werk anatomisch gesehen schon so ziemlich den ganzen Menschen zerlegt. Auf dem Karlsplatz etwa stand voriges Jahr Ihr Wellnesstotenkopf mit Dusche. Die „Arschbar“ erinnert stark an das begehbare Prostatamodell, das seit 2005 zu Aufklärungszwecken durch Europa tourt. War das eine Inspiration?

Van Lieshout: Nein, ich habe (seit 2003, Anm.) eben auch schon ganz andere Organe gemacht, ein Gebärmutterhaus zum Beispiel. Was mich an der „Arschbar“ speziell interessiert hat, ist, dass sie zwei Dinge vereint – das auf den ersten Blick ekelhafte System, Kunst kommt mir ja manchmal selbst vor wie ein Exkrement, wenn eine Arbeit fertig ist, wird sie nicht mehr angegriffen (Anm. im Museum), und wenn, nur mit Handschuhen. Und zweitens steht die „Arschbar“ noch für das Verdauen selbst, für das Konsumieren, den Konsum, sie ist sozusagen eine Mikroversion unserer Gesellschaft.

 

Und das ebenfalls begehbare blaue „Darwin“-Spermium, an und unter dem viele Männchen kleben, steht wofür genau?

Van Lieshout: Es bezieht sich auf den Darwinismus, das Survival of the Fittest. Schon aus den Millionen Spermien einer Ejakulation wird nur eines zu einem Menschen, der Rest ist sozusagen vergeudet. An der Selektion gibt es immer etwas Gutes und etwas Schlechtes. Das Gute zum Beispiel ist die Entwicklung, das Schlechte die davon abgeleiteten Theorien der Nazis. Die Organe sind aber immer auch Statements über Design, Architektur und Kunst. Ich wollte die Form von der Funktion trennen, von dem, was heute üblich ist. Und fragen – warum haben wir, haben die Organe die Form, die sie haben? Wurden sie von der Evolution bestimmt oder gestaltet?

 

Und, glauben Sie an „intelligentes Design“?

Van Lieshout: Ich denke, darauf gibt es keine Antwort. Aber wenn es einen Gott gibt, wer hat dann ihn gestaltet?

 

Sie haben selbst einmal versucht, eine neue Welt, eine autarke Gesellschaft für 1000 Personen zu schaffen, den Atelier-van-Lieshout-Freistaat (AVL Ville) 2001 in Rotterdam. Das Experiment – mit Biogasanlage, Kompostklos, eigener Brauerei – scheiterte nach kurzer Zeit an den Behördenauflagen. Aus diesem Erlebnis sind wohl die Antiutopien wie Ihre eher kafkaesken Installationen im MAK (Der Technokrat) oder im Folkwang Museum 2008 (Stadt der Sklaven) zu erklären.

Van Lieshout: Bei mir wird immer Gut und Schlecht, Utopie und Antiutopie vereint. In der Stadt der Sklaven etwa gab es viel Kultur, Bioenergie und Organspender. Es beschrieb einen grünen Hyperkapitalismus, der trotz alles Guten nur dazu diente, viele Menschen zu beseitigen, um viel Geld damit zu machen.

 

Ein Mahnmal für unsere Gesellschaft haben Sie gerade in Rotterdam aufgestellt.

Van Lieshout: Ja, Kaskaden von Ölfässern, die gerade herabzustürzen scheinen. Auf ihnen krabbeln Menschen wie Öltropfen hinauf und rutschen wieder herunter. Die Arbeit wurde übrigens von der Wiener Pestsäule inspiriert.

Eröffnungen im MQ

Heute, Donnerstag, ist Großvernissageabend im MQ: Neben Lieshouts Riesenorganen im Hof (ein Mumok-Projekt, ab 17.30h) werden im Mumok selbst „Changing Channel“ und Direktor Köbs Ankäufe der letzten acht Jahre eröffnet (19h). In der Kunsthalle eröffnet anschließend (20h) „Lebt und arbeitet in Wien, Teil 3“.

Ob die „Bar Rectum“ (Abb.) täglich in Betrieb gehen kann, ist behördlich noch nicht entschieden. Jedenfalls wird sie von einem eigenen Kunstprogramm bespielt, startend am 12.3. mit einer Filminstallation. [APA/Neubauer]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2010)

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16 Kommentare
Gast: Ösi
05.03.2010 10:30
0 2

Ein elementar gewordener Ausdruck österreichischen Charakters

Die Bar im Darm. das ist der ultimative Ausdruck der innersten Wesenszüge des Durchschnittsösterreichers.
So wie der Österreicher, angefangen von den Habsburgern über Dollfuss und A.H. bis zu den Allierten, wo Herr und Frau Österreicher gleichzeitig sogar im Kalten Krieg noch synchron in allen 4 Därmen zu Hause war, die miteinander eigentlich nicht so konnten (politisch und gesellschaftlich), immer duckmäuserig und devot sich allen angebiedert haben, so drückt dieses kunstwerk, man sollte es AUSTRIA nennen, den ganzen Staat samt seinen tollen Bewohnern in ihrer grenzenlosen, bis zur nächsten Darmwand reichenden Herrlichkeit, aus. Und den uneingeschränkten endlos bis zum Ausgang (anus) reichenden geistigen Horizont.
Ein gelungenes Werk und das Beste daran: den Österreichern ist ihr Spiegelbild gar nicht aufgefallen!

Gast: Billy Rubin
04.03.2010 19:54
0 0

Auf die Idee muss man erst kommen,

und diese halbwegs geschmacksvoll (jawoll !!) und ansprechend umzusetzen.

Das ist Kunst!

heduda
04.03.2010 19:30
0 0

leider

verstehen gerade diejenigen die aussagen der kunst nicht ,derentwegen sie gemacht werden.weil sie mit anderen beschäftigt sind und diese plätze gar nicht aufsuchen.
der darm ist kein aufrüttelndes gebilde im öffentlichen raum.
ich finde, ein zenkloster irgendwo in asien lehrt mehr über vergänglichkeit
,verdauung und ewigkeit.die ausstellung ist nur irgenwie "groovy"nicht mehr nicht weniger.

Gast: Löser
04.03.2010 12:55
0 0

Kunst kommt von Können

dieser Scharlatan kann NICHTS

0 0

Re: Kunst kommt von Müssen

dieser Künstler kann WAS

Gast: Heino
04.03.2010 11:24
1 0

Bitte, die Falter lesenden

und dennoch nicht un-speißigen Bobos brauchen sowas!

Gast: Gustav Klimt
04.03.2010 10:32
1 1

Schauts mal in die Kronenzeitung

ich find das super... seitenweise hard-core nuttenanzeigen in der auflagenstärksten tageszeitung und über eine popobar regen sich alle auf (inklusive des oben genannten a....blatts.
und rosenkranzbeter werden bundespräsidenten - zwickts mi, i man i drahm...

LUPO
04.03.2010 07:42
0 0

Gibt es das Kunstwerk dann auch als Souvenir

Wien, hier können sie unverklemmt Karriere (Geld abkassieren) machen und für die Topaufsteiger gibt es das aussagekräftige Objekt dann auch in Gold mit Urkunde.

Impotentia cogitandi, eiaculatio imbecillitatis

"Schon aus den Millionen Spermien einer Ejakulation wird nur eines zu einem Menschen, der Rest ist sozusagen vergeudet. An der Selektion gibt es immer etwas Gutes und etwas Schlechtes. Das Gute zum Beispiel ist die Entwicklung, das Schlechte die davon abgeleiteten Theorien der Nazis."
Bullshit.

Re: Impotentia cogitandi, eiaculatio imbecillitatis

was an diesen 3 sätzen ist denn bullshit?

Antworten Antworten Gast: Geiger HR
04.03.2010 11:25
0 0

Nichts ist Bullshit.

Nur Fr. Molestierer versteht es nicht ...

1 1

Jeder Künstler...

...hat sein Sujet, seine Vorlieben!
Arnulf Rainer steht für Übermalungen.
Friedensreich Hundertwasser für Spiralen.
Gerhard Rühm für Musik und Sprache.
Hermann Nitsch für Schüttbilder.
Joep van Lieshout füan Oasch.

komajo
04.03.2010 15:42
0 0

Die Betrachter

erkennt man auch an ihren Vorlieben.

Antworten Gast: kleine Verbesserung am Rande
04.03.2010 00:45
2 0

Re: Jeder Künstler...

Nietsch steht nicht für Schütt- sondern für Shitbilder.

0 1

"Nietsch", ein neuer Mann am Kunsthimmel!

Sie haben vollkommen recht!
Nitsch steht für Schüttbilder und Nietsch für Shitbilder!

Antworten Antworten Gast: sirnicha
04.03.2010 09:30
0 0

Re: Re: Jeder Künstler...

keine ahnung von nichts, oder?